Plädoyer
Realität in Zeiten der globalen Regression
Es ist ein Trugschluss, Geschichte werde nur von den Sesshaften geschrieben. Die Menschheitsgeschichte ist eine Chronik der Bewegung. Nicht das Verharren, sondern der Aufbruch haben unsere Zivilisation geformt.
Von Mustafa Yeneroğlu Donnerstag, 18.12.2025, 10:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 11.10.2026, 19:16 Uhr Lesedauer: 11 Minuten |
Der Internationale Tag der Migranten. Ein Tag, der hier in Ankara weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert ist als andere Gedenktage. Dagegen werden heute sicherlich in vielen westeuropäischen Hauptstädten Empfänge gegeben, Sonntagsreden über den Beitrag von Migranten zur kulturellen Vielfalt gehalten und das Gewissen mit Rhetorik für einen Tag beruhigt. Doch als Jurist und als Politiker, der jenseits dieser Rollen selbst eine Migrationsgeschichte hat, muss ich sagen: Der heutige Tag ist weniger ein Anlass zum Feiern, als vielmehr ein Tag des nachdenklichen Blicks in die heutige Zeit und vor allem in die nahe Zukunft.
Die Realpolitik der Angst
Ich richte diesen Blick nach Europa im vollen Bewusstsein seiner aktuellen psychologischen Verfassung. Der Kontinent befindet sich in einem Zustand der nervösen Anspannung. Ich sehe, wie der russische Angriffskrieg in der Ukraine und das Wanken des US-Verteidigungsschirms ein tiefes Gefühl der existenziellen Bedrohung ausgelöst haben. Die geopolitische Tektonik verschiebt sich, und das Gefühl der Sicherheit und des Wohlstands, das Europa Jahrzehnte als selbstverständlich erachtete, bröckelt.
In diesem Klima der Unsicherheit, verstärkt durch die zunehmenden wirtschaftlichen Sorgen, gedeiht der Nährboden für das Extreme. Wir erleben, wie rechtsextreme Parteien ihren einstigen Randstatus verlieren, Diskurse diktieren und sich in einigen Ländern zu neuen „Volksparteien“ wandeln. Noch beunruhigender als Wahlergebnisse ist jedoch, dass sich mit diesem politischen Aufstieg auch die gesellschaftliche Mitte kulturell und sprachlich verschiebt. Sagbares wird unsagbar, und das Unsagbare wird plötzlich salonfähig. Die etablierte Politik wirkt angesichts dieser Verschiebung oft ratlos, ja fast resigniert, und übernimmt nicht selten in einem Akt der vorauseilenden Anpassung die Sprache und die Konzepte derer, die sie eigentlich bekämpfen wollte und sollte.
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